Einen Vorteil nehmen wir hier als selbstverständlich: Der See ist nicht der Ausflug, der See ist der Anfang. Vom Lavarone-See gehen die Wege in alle Richtungen — in den Wald, in die Geschichte, in die zeitgenössische Kunst. Hier sind fünf davon, nach Entfernung von der Haustür.
Wir sind auf der Alpe Cimbra — der zimbrischen Hochebene. Sie trägt den Namen der Zimbern, der deutschsprachigen Gemeinden, die sich hier vor Jahrhunderten angesiedelt haben. In Lusérn, gleich nebenan, wird das Zimbrische bis heute gesprochen: eine der kleinsten Minderheitensprachen Europas. Wer aus dem Norden kommt, hört hier mehr Vertrautes, als er erwartet.
1. Die Runde um den See
Die einfachste, und die zum Anfangen. Der Ring um den Lavarone-See ist fast durchgehend eben: rund zwei Kilometer Ufer, Stege und Spiegelungen, in einer guten halben Stunde zu schaffen, wenn du dich nicht beeilst. Am schönsten ist er früh, wenn das Wasser still liegt und der Ort noch schläft.
Für alle machbar, auch mit Kinderwagen und Rad. Und für Hunde, die hier ohnehin dazugehören.
2. Il Respiro degli Alberi — der Atem der Bäume
Wenn eine Wanderung nach Stille klingt, dann diese. Ein Weg der zeitgenössischen Kunst durch den Wald von Lavarone: Unterwegs stehen Skulpturen aus Naturmaterialien, alle um denselben Gedanken gebaut — der Baum als Sinnbild des Lebens.
Sie sind nicht für die Ewigkeit gemacht. Der Wald holt sie sich mit der Zeit zurück, und das gehört zum Projekt; jeden Sommer kommen neue dazu. Man geht im Schatten zwischen Fichten und Buchen, bleibt vor einer Skulptur stehen, atmet, geht weiter. Etwa zweieinhalb Kilometer — und sie wollen langsam gegangen werden.
3. Das Werk Gschwent
Wer heute auf den See schaut, stellt sich schwer vor, dass hier vor gut hundert Jahren eine umkämpfte Grenze verlief. Und doch bewahrt die Alpe Cimbra eines der eindrücklichsten Zeugnisse des Ersten Weltkriegs: die Sieben Festungswerke der Hochebenen.
Das Werk Gschwent — italienisch Forte Belvedere — ist das eindrucksvollste und best erhaltene: in den Fels gebaut, direkt über dem Astico-Tal. Es war ein österreichisch-ungarisches Werk an der damaligen Grenze, heute ein Museum, das man zu Fuß durchquert, durch Stollen und Geschützstände, mit Ausblicken, die aus zwei sehr verschiedenen Gründen den Atem nehmen. Der Zugang ist ein kurzer Spaziergang, für jeden machbar.
Verbunden sind die Werke durch den Friedensweg, den Sentiero della Pace, der die ganze alte Front entlangführt. Auf der Hochebene lassen sich leichte Abschnitte gehen, über Wiesen und durch Wälder, mit Gräben und Stellungen, die an jeder Kurve auftauchen.
4. Der Vaia-Drache, der gestorben und größer zurückgekommen ist
Das ist die beste Geschichte der Hochebene, und sie gehört ganz erzählt.
Im Oktober 2018 warf der Sturm Vaia im Nordosten Italiens Millionen Bäume um. 2021 nahm der Bildhauer Marco Martalar dieses Holz — zweitausend Teile, dreitausend Schrauben — und baute daraus in Magrè di Lavarone einen sechs Meter hohen Drachen. Kein Denkmal für die Katastrophe, sondern etwas Lebendiges aus dem, was die Katastrophe übrig gelassen hatte. In zwei Jahren kamen Zehntausende herauf.
In der Nacht des 23. August 2023 hat jemand ihn angezündet. Er ist vollständig verbrannt — Brandstiftung, das Feuer war weithin zu sehen.
Hier hätte die Geschichte enden können. Sie endete nicht. Martalar hat ihn neu gebaut — und zwar doppelt so groß. Der neue Drache, am 1. Juli 2024 eingeweiht, ist sechzehn Meter lang, sieben Meter hoch und wiegt sechs Tonnen: die größte Holzdrachen-Skulptur der Welt. Das Verblüffendste ist aber etwas anderes. Er besteht aus verkohltem Holz, vom Künstler bewusst verbrannt, und die Überreste des abgebrannten Drachen stecken mit darin. Er heißt Regeneration. Aus der Asche geschmiedet, ganz wörtlich.
Man erreicht ihn nur zu Fuß, und auch das gehört dazu. Die Wege starten an vier Parkplätzen — von Cost sind es rund dreißig Minuten, von Gionghi fünfundvierzig bis sechzig, von Bertoldi lässt es sich mit dem Sessellift abkürzen. Sanfte Steigungen, Wald auf der ganzen Strecke.
Eine Geschichte, die uns unmittelbar betrifft: Ein Teil des nach Vaia geborgenen Holzes wurde aufgearbeitet und auch in diesem Haus verbaut. Dieselbe Katastrophe, dieselbe Weigerung, etwas wegzuwerfen.
5. Der Bienenweg
Zum Schluss die süßeste Überraschung. Der Bee Trek der Alpe Cimbra ist ein Themenweg für Bienen und Bestäuber, der Folgaria, Lavarone und Lusérn verbindet, mit vier Bienengärten aus heimischen Blühpflanzen.
Die gute Nachricht: Du musst ihn nicht ganz gehen. Einer der Gärten liegt direkt am Ufer des Lavarone-Sees, ein paar Schritte von hier, am Prombis-Weg. Tafeln, kleine Rätsel und die Erkenntnis, wie viel Arbeit in einem Glas Honig steckt. Die Wanderung für den Nachwuchs.
Go wild for a while. Das Schöne ist hier zu Fuß erreichbar.
Zeiten, Längen und Öffnungszeiten ändern sich mit der Jahreszeit: Ein Blick auf die offiziellen Karten der Alpe Cimbra lohnt sich vor jedem Aufbruch. Wir warten unten am See — und den Picknickkorb für unterwegs packen wir gern.




